Schlafmedizin

Schlafstörungen: Warum der Schlaf ausbleibt — und was wirklich hilft

dr. Albrecht Wenzel · Juni 2026 · Lesezeit ca. 5 Min.

Es ist halb drei Uhr nachts. Die Gedanken kreisen, der Blick wandert zur Uhr, und mit jeder Minute wächst der Druck, doch endlich einzuschlafen — was das Einschlafen nur noch unwahrscheinlicher macht. Wer das kennt, ist nicht allein: Etwa jeder zehnte Erwachsene in Deutschland leidet unter einer behandlungsbedürftigen Insomnie, also anhaltenden Ein- oder Durchschlafstörungen mit Beeinträchtigung am Tag.

Schlafstörungen sind kein Randthema unserer Praxis — sie gehören neben Schlafapnoe und Gewicht zu den Beschwerden, mit denen Menschen am häufigsten zu uns kommen. Und sie sind in den meisten Fällen gut behandelbar, wenn man die Ursache versteht.

Was ist eine Schlafstörung — und ab wann ist sie behandlungsbedürftig?

Gelegentlich schlecht zu schlafen ist normal. Von einer chronischen Insomnie spricht man, wenn die Beschwerden über mindestens drei Monate an mindestens drei Nächten pro Woche auftreten und die Leistungsfähigkeit, Stimmung oder Gesundheit am Tag beeinträchtigen. Typisch sind verlängerte Einschlafzeiten, nächtliches Wachliegen, frühmorgendliches Erwachen — und das Gefühl, sich tagsüber nie wirklich erholt zu fühlen.

Entscheidend ist die Tagessymptomatik. Nicht die Zahl der geschlafenen Stunden definiert die Störung, sondern das Leiden und die Folgen: Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit, Erschöpfung.

Die häufigsten Ursachen

Schlafstörungen sind ein Symptom, kein einheitliches Krankheitsbild. Zu den wichtigsten Auslösern gehören:

  • Psychophysiologische Insomnie: Aus einer akuten Schlafkrise (Stress, belastendes Ereignis) entsteht ein erlerntes Muster aus Anspannung und „Schlaf-Erzwingen-Wollen", das sich verselbstständigt.
  • Stress und Grübeln: Ein überaktives Gedankenkarussell hält das Nervensystem im Wachmodus.
  • Schichtarbeit und sozialer Jetlag: Ein aus dem Takt geratener zirkadianer Rhythmus.
  • Substanzen: Koffein, Alkohol, Nikotin sowie bestimmte Medikamente.
  • Körperliche Ursachen: Schmerzen, Schilddrüsenüberfunktion, Restless-Legs-Syndrom — und, häufig übersehen, eine obstruktive Schlafapnoe.

Wann steckt mehr dahinter?

Genau hier lohnt sich der internistische Blick. Wer schlecht schläft, laut schnarcht und sich trotz ausreichender Schlafdauer morgens wie gerädert fühlt, hat möglicherweise keine reine Insomnie, sondern eine schlafbezogene Atmungsstörung. Auch ein Restless-Legs-Syndrom oder Stoffwechselerkrankungen können hinter hartnäckigen Schlafproblemen stehen.

Deshalb klären wir bei anhaltenden Beschwerden ab, ob eine organische Ursache vorliegt — etwa mit einem Schlafprotokoll, gezielter Labordiagnostik und, bei Verdacht auf Apnoe, einer ambulanten Polygraphie. Erst wenn organische Ursachen ausgeschlossen oder behandelt sind, greift die eigentliche Insomnie-Therapie.

Was wirklich hilft: KVT-I statt Dauerrezept

Die wichtigste Botschaft vorweg: Die leitliniengerechte Erstlinientherapie der chronischen Insomnie ist nicht das Schlafmittel, sondern die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I). Die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin empfiehlt sie als Methode der ersten Wahl — mit nachgewiesener, anhaltender Wirkung.

KVT-I umfasst mehrere Bausteine: Schlafrestriktion (die im Bett verbrachte Zeit wird zunächst bewusst verkürzt, um den Schlafdruck zu erhöhen), Stimuluskontrolle (das Bett wird wieder eindeutig mit Schlaf verknüpft), Abbau von Grübelschleifen und realistische Aufklärung über Schlaf. Klingt unspektakulär — ist aber dem Schlafmittel langfristig deutlich überlegen.

Und Schlafhygiene?

Schlafhygiene allein heilt eine chronische Insomnie nicht, bildet aber das Fundament. Bewährt haben sich:

  • regelmäßige Aufsteh- und Zubettgehzeiten — auch am Wochenende;
  • das Bett nur zum Schlafen nutzen, nicht zum Arbeiten oder Grübeln;
  • am Abend gedämpftes, warmes Licht statt heller Bildschirme;
  • Koffein nach dem frühen Nachmittag meiden, Alkohol als „Einschlafhilfe" vermeiden (er fragmentiert den Schlaf);
  • bei nächtlichem Wachliegen nach etwa 20 Minuten aufstehen, statt sich im Bett zu quälen.

Warum nicht einfach eine Schlaftablette?

Schlafmittel haben ihren Platz — kurzfristig, in akuten Krisen, klar begrenzt. Problematisch wird der Dauergebrauch: Viele klassische Schlafmittel verlieren nach wenigen Wochen an Wirkung, können abhängig machen und beeinträchtigen mitunter die Schlafarchitektur. Eine ehrliche Beratung gehört für uns dazu — auch wenn die Antwort manchmal „nicht das Rezept, sondern die Methode" lautet.

Was wir in der Praxis tun

Wir nehmen Schlafstörungen ernst und gehen sie strukturiert an: ausführliche Anamnese, Schlafprotokoll, Ausschluss organischer Ursachen (Schlafapnoe, Restless Legs, Schilddrüse) und eine an Ihrer Situation ausgerichtete Therapieplanung. Wo eine KVT-I sinnvoll ist, ordnen wir die Schritte ein und begleiten den Verlauf.

Mehr zu unserem Vorgehen finden Sie auf der Seite Schlafstörungen. Wenn zusätzlich Schnarchen oder Tagesmüdigkeit im Spiel sind, lohnt der Blick auf die Schlafdiagnostik — und falls auch das Gewicht eine Rolle spielt, hängt beides oft enger zusammen, als man denkt (mehr dazu hier).

Quellenangaben

  1. S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen". AWMF-Register Nr. 063-003, Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), Update 2017.
  2. Riemann D, Baglioni C, Bassetti C et al. European guideline for the diagnosis and treatment of insomnia. J Sleep Res. 2017;26(6):675–700.
  3. Qaseem A, Kansagara D, Forciea MA et al. Management of Chronic Insomnia Disorder in Adults: A Clinical Practice Guideline from the American College of Physicians. Ann Intern Med. 2016;165(2):125–133.

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